Mein digitaler Migrationshintergrund

Ja, ich weiß: die Begriffe digital native und digital immigrant sind unterdessen verpönt, und wer sie unverdrossen benutzt, setzt sich leicht dem Vorwurf aus, nicht auf der Höhe der Diskussion zu sein. Im Folgenden will ich sie heuristisch nutzen, um meinen eigenen Weg durch Analogien und Digitalistan nachzuzeichnen (ja, das weiß ich auch: „richtig“ heißt es Analogistan und Digitalien, und die Begriffe zeigen mustergültig, was schief läuft in der Digital-Debatte; mehr dazu weiter unten).

Meine Hardware-History habe ich andernorts dargestellt (und dabei den Commodore C64 unterschlagen, den ich mir damals mit meinem Bruder geteilt habe), hier geht es um den Weg ins Internet (und die Wege in diesem). So „richtig“ im Internet bin ich seit 1998 unterwegs; der Einstieg war ein Studentenjob (im Studium selbst, Abschluss 2001, hat das im Grunde keine Rolle gespielt): Bei der mittlerweile nicht mehr existierenden Allesklar.com AG (Siegburg, anfangs: Sankt Augustin) habe ich an einem deutschen Internetverzeichnis – analog zu Yahoo – mitgearbeitet; einem Telefonbuch für Internetseiten. Damals war Google noch relativ unwichtig, hatte jedenfalls nicht die Stellung des unumschränkten Platzhirsches wie heute. Als Browser hatten wir den Internet Explorer und den Netscape Navigator zur Verfügung; letzteren habe ich lieber benutzt, aber manche Seiten konnte er nicht gescheit darstellen. Damals waren Internetseiten statisch – und Interaktion bedeutete: einen Link klicken oder eine Email schreiben. Aus heutiger Sicht mag das verschnarcht klingen, aber ich fand es sehr spannend. Zuhause hatte ich damals zunächst kein Internet; aber recht bald habe ich dann ein externes 56k-Modem gekauft und war online. Wohlgemerkt: nicht ständig, denn „online“ bedeutete, dass die Telefonleitung blockiert war, für einen Anrufer war der Anschluss besetzt. (Für die Nostalgiker: so klang damals der Weg ins Internet.)

Nach dem Abschluss des Studiums, ich wollte noch nicht ins Referendariat, habe ich dann angefangen an der FernUniversität in Hagen zu arbeiten – am dortigen Lehrstuhl für Schul- und Medienpädagogik; durch eine Neubesetzung des Lehrstuhls – ich durfte an Bord bleiben – verschob sich der Fokus auf „Bildungstechnologie“; was im Deutschen nach den 1970er Jahren klingt, war einfach die Übersetzung von Educational Technology, im anglophonen Sprachraum bis heute die Bezeichnung für alles, was unter computerunterstütztes Lernen fällt. Mein neuer Chef interessierte sich vor allem für kollaborative Formen der Arbeit und speziell für Weblogs (damals war das hierzulande nahezu unbekannt). Wir wurden ausdrücklich ermuntert, selbst Weblogs zu betreiben, und so kam ich 2002 zu meinem ersten eigenen Weblog (damals auf der Basis von Manila Userland). Die Administration war damals noch wenig komfortabel, und so habe ich das Blog auch nur wenig genutzt. Aber ein Anfang war gemacht.

2003 hat mich dann ein sehr guter Freund dazu gebracht, die Weblog-Sache mal wieder mit mehr Nachdruck zu verfolgen; unterdessen – ich lebte mit meiner damaligen Freundin in ihrem 1-Zimmer-Apartment – hatten wir dauerhaft Internet und es war auch passabel schnell. Seitdem habe ich auch eigenen Webspace (unter, you guessed itphilosophus.de / patrick-baum.de). Das erste Weblog war auf der Basis von Pivot angelegt, später bin ich dann auf WordPress gewechselt und seitdem damit ganz glücklich.

Meine digitale Migrationsgeschichte begann also bei einem Internet-Katalog (gibt’s sowas heute überhaupt noch?) und führte dann zu Weblogs. Als ich dann 2005 in den Schuldienst eintrat, habe ich dann auch recht häufig mit Weblogs im Unterricht gearbeitet; in der Projektwoche war mein Projekt „Das Internet als Medium der Globalisierung“, keiner (!) der Schüler wusste vorher, was ein Weblog ist, aber immerhin waren sie bei knuddels unterwegs, es waren auch schon E-Sportler dabei, die aus ihrem Clan-Leben erzählten.

Heute bin ich bei Facebook, bei Twitter, betreibe Blogs in eigener Sache, für meine Kurse (nicht alle) und fürs Fachseminar. Fest im Apple-Universum verwurzelt (mein iPhone ist seit 2010 mein Lehrerkalender, mein Schulbuch ist das iPad) kann ich blinkenden Gadgets schwer aus dem Weg gehen und muss viel ausprobieren (Rubrik Digital Workflow), gehöre aber nicht zur Digital-ist-immer-besser-Fraktion. Ich bin sogar interessanterweise in den letzten Jahren wieder analoger geworden, weil ich meine alte Liebe zu Füllfederhaltern wiederentdeckt habe.

Und was ist jetzt mit den digital natives? Als Migrant mit einem klaren Vorher/Nachher im Hinblick auf die Digitalisierung sehe ich mich nicht im Nachteil zu den natives für die vieles, was für mich irgendwann Neuland war, eine Selbstverständlichkeit ist. Ihre Nativität ist ja kein Verdienst, sondern die Gnade der späten Geburt. Auch sollte man dies nicht mit Expertise verwechseln; um mit Hegel zu sprechen: „Das Bekannte überhaupt ist darum , weil es bekannt ist, nicht erkannt.“ (Phänomenologie des Geistes, Einleitung) – und zu erkennen gibt es im Zeitalter der Digitalisierung so einiges. Die Rede von rückständigen Provinzen (Analogistan), die es zu erobern/kolonisieren gelte, hilft an der Stelle jedenfalls nicht weiter.

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