Für die Abiturientia 2014

Mit der heutigen Entlassfeier haben wir die Abiturientia 2014 verabschiedet; für das Abi-Buch habe ich ein Grußwort geschrieben, das ich im Folgenden wiedergebe (um etwaige Schülernamen gekürzt), weil die Auflage sich doch im niedrigen dreistelligen Bereich bewegt:

Statt eines Grußwortes. Einige Überlegungen lose geknüpft an Ideen von Friedrich N.

(Auch: eine Art alternativer Kursbericht zu zwei Philosophiekursen aus Lehrersicht, oder: „Haben Sie Ihr Buch dabei?“)

1. In der Ruhe liegt die Kraft…

„Wir versetzen uns mitten in den Zustand eines jungen Studenten hinein, das heißt in einen Zustand, der, in der rastlosen und heftigen Bewegung der Gegenwart, geradezu etwas Unglaubwürdiges ist, und den man erlebt haben muß, um ein solches unbekümmertes Sich-Wiegen, ein solches dem Augenblick abgerungenes gleichsam zeitloses Behagen überhaupt für möglich zu halten.“ (Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten, 1872)

Das „unbekümmterte Sich-Wiegen“, das „dem Augenblick abgerungene gleichsam zeitlose Behagen“, das Friedrich Nietzsche hier wortreich beschwört, kennen wir heute unter dem Fachbegriff „chillen“. Dem Eingeweihten entbirgt sich die Kulturtechnik des Chillens, die von bösen Zungen in die Nähe des bloßen Nichtstuns gerückt wird, als ein stiller, darum aber nicht weniger subversiver Akt des gewaltlosen Widerstands gegen die sich in unseren Zeiten noch rastloser gebährende Beschleunigungsgesellschaft, die alles unter das Diktat von Effizienz und Zielorientierung stellt. Nietzsche selbst hat übrigens seine chilligste Zeit in unserem schönen Städtchen verbracht: „In diesem Zustande verlebte ich […] ein Jahr in der Universitätsstadt Bonn am Rhein: ein Jahr, welches durch die Abwesenheit aller Pläne und Zwecke, losgelöst von allen Zukunftsabsichten, für meine jetzige Empfindung fast etwas Traumartiges an sich trägt.“

Wenn etwas die diesjährige Abiturientia, die ich in zwei Philosophiekursen, einem Projektkurs zum Themenfeld „Film“ und zuvor in der 8. und 9. Klasse als Klassenlehrer (und Französisch-Pauker) kennenlernen durfte, besonders auszeichnet, so ist dies ihre Entspanntheit, ihre Fähigkeit zum Chillen im oben ausgeführten Sinne. In größter Seelenruhe etwa konnte ein Schüler in der dritten und vierten Stunde erscheinen und sich höflich damit entschuldigen, dass er verschlafen habe. Die Frage, ob besagter Schüler denn das Philosophie-Buch dabei habe, wurde dann freundlich verneint und wahlweise damit quittiert, dass man, da man ja ohnehin verspätet sei, nicht auch noch ans Buch habe denken können, oder dass man auch das – ebenfalls schwere (!) – Geschichtsbuch habe mitnehmen und mithin eine Entscheidung treffen müssen, die eben gegen das Philosophie-Buch ausging. (Meine Versuche herauszubekommen, mit welchen Zwangsmitteln – vielleicht beiläufige Berichte über die Techniken der spanischen Inquisition? – die Geschichtskollegen die Entscheidung zu ihren Gunsten beeinflussen konnten, sind bislang erfolglos geblieben.)

2. Reifungsprozesse

„Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt.“ (Also sprach Zarathustra, 1883)

Die hier konturierte „chillige“ Entspanntheit sollte nun nicht – das wäre großes Unrecht und verfehlte völlig das hier in Frage stehende Phänomen! – mit Trägheit oder gar Desinteresse verwechselt werden. Wenn auch die Formalia zum Verdruss des Unterrichtsbeamten nicht immer in verlangter Form eingehalten wurden, so erfreute sich doch der Philosophielehrer daran, es in seinen Kursen durchweg mit kritischen Denkern in statu nascendi zu tun zu haben, denen zwar die fehlerfreie Bedienung eines handelsüblichen Weckers (s. o.) nicht immer zuzumuten war, die sich aber furchtlos und frei von falscher Scheu der deontologischen Ethik Immanuel Kants und anderen Anmutungen des Philosophieunterrichts stellten.

Einer der großen Vorzüge des Gymnasiallehrerseins ist der Umstand, dass man mit so vielen verschiedenen Alters- und Reifestufen zu tun hat. Wir Lehrer dürfen unentwegt Subjekten beim Werden zusehen (und diesen Prozess begleiten und gelegentlich auch in ihn eingreifen). Dabei lernen wir die verschiedenen Phasen dieses Reifungsprozesses gut kennen: zu Beginn – in der Erprobungsstufe – die Suche nach Bestätigung („Darf ich hier auch in grün unterstreichen?“ – „Habe ich das so richtig abgeschrieben?“ – „Gucken Sie mal!“), dann – in der Mittelstufe (auch als Phase der Pubertät gefürchtet) – die zur Subjektwerdung unumgängliche Phase der Abwehr der Außenwelt, die besagtem Subjekt häufig in Form von Erziehungsberechtigten und Lehrern entgegentritt , und zuletzt – in der Oberstufe – das abgeklärte und entspannte (in einem Wort: „chillige“) Sich-einrichten in der Welt, der man neugierig aber nicht unkritisch gegenübertritt: Am Ende sehen wir Lehrer uns eigenständigen und unabhängigen jungen Frauen und Männern – echten Persönlichkeiten – gegenüber, die selbstbewusst und ungefragt in grün unterstreichen, wo immer es ihnen angemessen scheint.

Die Mischung aus Entspanntheit und kritischem Geist, der auf pubertäres Revoluzzertum unterdessen verzichten kann, hat in den Kursen, die ich unterrichten durfte, für eine Unterrichtsatmosphäre gesorgt, die ich als durchweg angenehm empfunden habe – dann und wann vielleicht noch aufgepeppt durch Videos von Baby-Faultieren, mit Hilfe derer die philosophische Reflexion in der Fünf-Minuten-Pause suspendiert wurde, um sie in der darauffolgenden Stunde umso ernsthafter aufzunehmen. Dem Philosophen Heidegger verdanken wir die Einsicht, dass Denken und Danken in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander liegen – von daher auch: Danke, ihr Denker der Q2, für drei schöne philosophische Jahre.

3. Postcards from the Edge

„Im Höchsten ward mein Tisch für euch gedeckt: – / Wer wohnt den Sternen / So nahe, wer des Abgrunds grausten Fernen? / Mein Reich – welch Reich hat weiter sich gereckt?“ (Jenseits von Gut und Böse, 1885)

Wenn diese Zeilen gelesen werden, haben unsere Abiturienten des Jahrgangs 2014 das Mittelgebirge des Geistes, das Abitur, wohl hoffentlich erfolgreich erklommen. Die eigentlichen Herausforderungen warten aber – auch hier ist Nietzsche unser Gewährsmann – im Hochgebirge: Welche Gipfel, welche Bergkämme Sie ersteigen werden, wir wissen es noch nicht. Aber dass Sie nun zu Höherem und Weiterem, zu neuen Grenzen, Rändern und auch Abgründen unterwegs sind – daran haben wir keinen Zweifel. Und wir würden uns freuen über Nachrichten von Ihnen – über Postkarten aus den jetzt zu erforschenden neuen Räumen, die Ihnen offenstehen.

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